Gemeinsam für eine lebenswerte Stadt

Caritas verbindet Generationen - So lautet die Kampagne im Jahr 2026. Folgender Artikel beschreibt eindrücklich, wie in den Solidarischen Gemeinden "Zusammen geht was" in der Praxis aussieht:
Erwachsene sind oft mit sich selbst beschäftigt, junge Leute mit ihrem Smartphone - und die Älteren sind einsam. Auch wenn das die gesellschaftliche Entwicklung eher klischeehaft beschreibt, sind die Großfamilie und das Zusammenspiel von Zusammenhalt und Sozialkontrolle selbst im ländlichen Raum meist Vergangenheit. Wie kann unter heutigen Rahmenbedingungen ein neues Miteinander entstehen, das Dörfer und Stadtquartiere für alle Generationen lebenswert macht, so dass man dort auch gut alt werden kann? Ehemalige katholische Krankenpflegevereine, die mit der Kranken- und Pflegeversicherung ihren ursprünglichen Zweck verloren hatten, nahmen sich an mehreren Orten dieser Frage an. In der Bad Waldseer Ortschaft Reute-Gaisbeuren nannten sie sich "Solidarische Gemeinde".
Nach diesem Vorbild ist heute auch Aulendorf "Solidarische Gemeinde" - getragen vom gleichnamigen Verein. Unter dem Motto "Gemeinsam geht's besser" stehen diese Woche Digital-Café und Morgengymnastik, Stadtge(h)spräche und Treffen der Adipositas-Freunde, Reparatur-Café und Spiele-Treff auf dem Programm. "Wir haben drei Säulen", erklärt Josef Bühler, der zusammen mit Stefanie Dölle dem Verein vorsteht. Bei "Geselliges Aulendorf" gehe es darum Treffpunkte zu schaffen und bei "Gesundes Aulendorf" um Gesundheitsprävention. Im Primärversorgungsnetzwerk arbeite der Verein mit dem Ärztehaus niederschwellig zusammen. "Die dritte Säule ist ‚Sorgendes Aulendorf‘, wo wir Besuchs- und Begleitdienste für Ältere machen", ergänzt der 69-Jährige.
Barbara Rapp (l.) leitet den „Solisatt“-Laden im Team und Josef Bühler die „Solidarische Gemeinde“ Aulendorf im Tandem.DRS/Waggershauser
Zukunft für Tafelladen "Solisatt" gesichert
Zu letzterer Säule zählt auch der Tafelladen "Solisatt", der erst seit Januar der "Solidarischen Gemeinde" untersteht. Vor gut 16 Jahren gegründet und bisher getragen hat ihn die Kolpingfamilie, die das auf Dauer nicht mehr hätte leisten können. Im Team ist Kolping neben "neuen" Ehrenamtlichen weiterhin dabei. Als einige Frauen Kartons mit Gemüse ins Regal räumen und die Schalen mit Erdbeeren prüfen, fährt Georg Gallasch mit dem kleinen Lieferwagen vor. Er trägt den Korb mit Backwaren vom Vortag in den Laden, während draußen schon die ersten Kund:innen mit Berechtigungsschein eintreffen. Gallasch koordiniert jetzt mit Ulrike Branz und Barbara Rapp den Betrieb und die Einsatzkräfte an den Öffnungstagen Dienstag und Freitag.
"Wir kaufen zusätzlich noch haltbare Lebensmittel ein mit Geld aus den Einnahmen und Spenden", erwähnt Rapp eine Solisatt-Besonderheit. Andere Tafelläden beschränken ihr Angebot auf Lebensmittelspenden aus umliegenden Geschäften. Zu den Kund:innen zählen unter anderem Asylbewerber:innen und schon länger ansässige Russlanddeutsche sowie Geflüchtete aus der Ukraine. Bei in Aulendorf aufgewachsenen Älteren haben mehr eine Berechtigung als kommen, berichtet Rapp. Das liege vielleicht auch an der zentralen Lage. "Aulendorfern fällt es schwer, hier anzustehen und zu sagen: Ja, ich brauche das", weiß die 56-jährige, die an den anderen Wochentagen als Analystin in der Pharmazie arbeitet.
Georg Gallasch bringt gespendete Backwaren vom Vortag in den Laden.DRS/Waggershauser
Kirchen unterstützen nicht nur finanziell
"Es ist wichtig, dass die Kirche sich auch weiterhin im sozialen Bereich engagiert", betont Rapp - auch im Blick auf den Prozess "Kirche der Zukunft". Zum Koordinierungskreis der Solidarischen Gemeinde gehören neben der Kirchengemeinde St. Martin auch die evangelische Thomasgemeinde, die Stadt Aulendorf, der Stadtseniorenrat, die Nachbarschaftshilfe und Vereine. Die 210 Mitglieder seien aber größtenteils Privatpersonen. Mit Reute-Gaisbeuren als Vorbild und Kooperationspartner hat die Caritas Bodensee-Oberschwaben zusammen mit dem Dekanat Allgäu-Oberschwaben in sechs Kommunen im Landkreis Ravensburg angestoßen und auf den Weg gebracht. Sie stellt in der Startphase die Koordinierungsperson - in Aulendorf Wolfgang Unger.
Fördergelder kommen vom Landkreis und von der Friedrich Schiedel-Stiftung. Darüber hinaus unterstützt die Veronika-Stiftung seit kurzem eine strategische Beratung der Solidarischen Gemeinden. Und speziell das Team des Solisatt-Ladens ist bereits seit Jahren dankbar für die Mitfinanzierung durch das diözesane INkonzept. Es hilft Ehrenamtliche zu qualifizieren. In Aulendorf setzen sie im nachbarschaftlichen Ehrenamt auf Tandem- und Teamlösungen, erzählt Bühler, damit man auch mal fehlen darf. Und der Vorstand gibt keine Ideen vor, sondern die entstehen von Menschen, die Lust haben. Wie die 16 Leute, die Spenden für eine Rikscha gesammelt haben und damit seit gestern unter anderem Bewohnerinnen und Bewohnern des Wohnparks St. Vinzenz ein Stück Mobilität, Begegnung und Lebensfreude schenken.
Text: Markus Waggershauser, veröffentlicht am 9. Juni 2026 auf www.drs.de
Josef Bühler zeigt ein Gesundheitskärtchen mit dem Motto des Monats.DRS/Waggershauser