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Wohnraumoffensive

"Wir fühlen uns reich beschenkt"

Familie auf einem SofaDie syrische Familie Razan und Mohammad Hariri mit Tichter Jouli (Mi.) freut sich mit Bruder Wajih Hariri (li.), Nazem Hariri (re.) und Lea Kopittke über ihr neues Zuhause in Weingarten.Caritas Bodensee-Oberschwaben

Mohammad Hariri wartet schon auf die Besucher und winkt fröhlich. »Hier wohnen wir, ich mache die Tür auf«, ruft er. Der Empfang ist herzlich: Neben Mohammads Ehefrau Razan und Tochter Jouli haben sich auch die Familienmitglieder Wajih und Razem Hariri Zeit genommen. Es gibt syrischen Kaffee und Tee - und dann erzählt Mohammad. Sein Bruder Wajih, der nahezu fehlerfrei Deutsch spricht, kommt ihm dabeizu Hilfe.

"Wir haben im Krieg so viel verloren"

Vor vier Jahren ist die syrische Familie aus Aleppo über Griechenland nach Deutschland geflohen. »Der Krieg war schrecklich, wir haben so viel verloren. Unser Zuhause ist nur noch ein Schutthaufen«, erzählt Mohammad, der als Apotheker in Syrien eine eigene Apotheke geführt hat. Die Hariris landeten zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung in Sigmaringen und schließlich in Weingarten. Hier erhielten sie zwar schnell eine kleine Wohnung zugewiesen, in der sie aber - nachdem die Eltern aus Syrien nachgezogen waren - in drei Generationen zu sechst beieinander lebten. »Das war keine einfache Zeit, aber wir waren froh, in Deutschland angekommen zu sein«, so Mohammad Hariri. Offenheit, Menschenfreundlichkeit und viel Unterstützung hätten sie in Weingarten erfahren, berichtet er. Dafür seien sie dankbar. »Für uns Flüchtlinge ist es schwierig, alleine eine Wohnung zu finden. Solange wir keine Arbeit haben und die Leute uns nicht kennen, vertrauen sie uns nicht.«

Eine Wohnung als Geschenk

Doch Familie Hariri hatte Glück: Der 87-jährige frühere Bewohner ihrer Wohnung konnte sich nach einem Sturz nicht mehr allein versorgen und zog in eine Seniorenwohnung. Da es kurz vor Weihnachten war, beschloss er, mit dem Überlassen seiner Wohnung einer Flüchtlingsfamilie ein Weihnachtsgeschenk zu machen. »Wir haben uns daraufhin an den Flüchtlingsbeauftragten der Stadt Weingarten gewandt«, berichtet Wohnungseigentümerin Nadja Irek. Dieser habe die Familie Hariri ganz oben auf der Warteliste geführt und umgehend mit Lea Kopittke und Christian Mayer von der Wohnraumoffensive »herein« der Caritas Bodensee-Oberschwaben Kontakt aufgenommen. Danach ging alles sehr schnell. »Wir haben als Caritas die Wohnung für fünf Jahre angemietet und an Familie Hariri untervermietet«, berichtet Christian Mayer.
Das Konzept der im Jahr 2016 von der Caritas in Kooperation mit den katholischen Dekanaten Friedrichshafen und Allgäu-Oberschwaben ins Leben gerufenen regionalen kirchlichen Wohnraumoffensive »herein« ist innovativ und erfolgreich. »Der Projektname steht symbolisch für Herberge suchen und Eintritt gewähren und appelliert an die Solidarität und Nächstenliebe der Menschen«, so Lea Kopittke. »Wir suchen in der Region nach geeignetem Wohnraum und mieten diesen für eine befristete Zeit an, um ihn an von der Caritas sozial begleitete Personen unterzuvermieten.« Das Konzept der Caritas-Wohnraumoffensive biete einem potenziellen Vermieter viele Vorteile und entlaste ihn, bestätigt Eigentümerin Nadja Irek. Ihre Erfahrungen sind positiv: »Die Caritas arbeitet professionell und genießt großes Vertrauen.«

Schulung der Mieter durch die Caritas

Um die Basis für ein möglichst konfliktfreies Mietverhältnis zu schaffen, werden die Mieter bei Bedarf auch geschult. Dabei arbeitet die Caritas Hand in Hand mit dem Diakonischen Werk Ravensburg. Dieses bietet gezielte Qualifizierungen an, in denen potenzielle Mieter mit ihren Rechten und Pflichten vertraut gemacht werden. Auch nach Zustandekommen eines Mietvertrags begleitet die Caritas ihre Untermieter weiter, schaltet sich bei Bedarf ein und übernimmt Garantien für eventuelle Mietausfälle. »Wir sind und bleiben Ansprechpartner für beide Seiten - Vermieter und Mieter«, betont Lea Kopittke. »Wer renovierungsbedürftigen Wohnraum zur Verfügung stellen kann, kommt als Vermieter gleichfalls infrage, so Christan Mayer. In Kooperation mit der Architektenkammer Baden-Württemberg und den Kammergruppen Bodenseekreis und Ravensburg bietet die Caritas Beratung an, um Wohnraum vermietbar zu machen.

"Wann immer es Fragen gibt, ist jemand da"

Familie Hariri ist froh über die Wohnungsvermittlung und Begleitung durch die Caritas. »Wann immer es Fragen oder Probleme gibt - ein Telefonanruf genügt und Christian Mayer oder Lea Kopittke sind da«, berichtet Mohammad. »Und sie fragen auch immer wieder nach, wie alles läuft und wie es uns geht«, freut er sich. Mit der Wohnung in Weingarten fühlen sich die Hariris reich beschenkt. »Wir haben beim Ausräumen der Wohnung mitgeholfen und durften uns sogar Möbel aussuchen«, sagt Mohammad und zeigt stolz auf einen Wohnzimmerschrank. Die Familie fühlt sich angenommen. Die kleine Tochter geht in den Kindergarten und es bestehen Kontakte zu deutschen und syrischen Familien. Das soziale Umfeld stimmt. »Uns gefällt das Leben in Deutschland«, betont Mohammad Hariri. Die Familie hat sich zwar daran gewöhnen müssen, dass »hier alles geregelt ist«, gesteht er. In Syrien sei alles lockerer gewesen. Seine Apotheke in Aleppo habe keine festen Öffnungszeiten gehabt. »Ich war immer da, wenn etwas gebraucht wurde - egal wann.« Für die syrische Familie ist Weingarten zu einer zweiten Heimat geworden. »Auch wenn ich unterwegs bin und egal, von wo ich zurückkomme: Wenn ich die Basilika sehe, weiß ich, hier bin ich zu Hause«, gesteht Mohammad Hariri.

 

 

DAS INTERVIEW

Lea Kopittke

Lea Kopittke ist für die Wohnraumoffensive im Einsatz:

"Wir sind vor Ort und kümmern uns um die Leute"

Die Sozialpädagogin Lea Kopittke erklärt, wie Vertrauen zwischen Vermietern und Mietern wachsen kann.

Frau Kopittke, bezahlbare Wohnungen werden dringend gesucht. Was bewegt Vermieter ihre Wohnungen leer stehen zu lassen?
Dafür gibt es viele Gründe. Man sieht Aufwand und Risiko, gesetzliche Regularien wie den Mieterschutz, die Angst vor Abnutzung oder Lärm. Aber es heißt nicht umsonst, dass Eigentum verpflichtet. Die Frage ist, wie man damit umgeht - gerade wenn es um Bedürftige geht, die sich auf dem Wohnungsmarkt schwertun.

Reicht der Appell an die christliche Nächstenliebe aus, um Leute zu bewegen, unbewohnte Wohnungen zu vermieten?
Dieser Appell ist sicher richtig - reicht aber nicht aus. Uns geht es darum, uns als verlässliche Vermittler zu präsentierten. Wer sich an uns wendet, hat keinen Aufwand und kann sicher sein, dass die Miete bezahlt wird.

Gehört nicht auch Mut dazu, seine Wohnung an Menschen aus einer anderen Kultur zu vermieten?
Durchaus. Es braucht aber auch Vertrauen in die Menschen. Man hat die Chance, Hilfsbedürftigen ein Obdach zu geben.

Konflikte bleiben - zumal, wenn man im gleichen Haus wohnt - nicht aus. Vermitteln Sie hier?
Natürlich. Auch das gehört zu unserem Job. Oft sind es aber Kleinigkeiten, wenn es zum Beispiel abends mal lauter wird. Das lässt sich schnell klären.

Kann Ihre Wohnraumoffensive zur Win-win-Situation für alle Beteiligten werden?
Absolut. Natürlich geht es um den Mietzins - das ist mehr Geld, als wenn die Wohnung leer steht. Es kann aber auch bereichernd sein, neue Kontakte aufzubauen und Menschen mit anderem Hintergrund oder aus anderen Kulturen zu begegnen.

Im Rahmen Ihres Projektes haben Sie bisher 30 Wohnungen vermittelt. Gibt es noch Luft?
Wenn man dicke Bretter bohren will, braucht das Zeit. Das Projekt ist anfangs zögerlich verlaufen, ist aber innovativ und hat Potenzial. Wir sind dankbar für die Begleitung der politischen Kommunen. Wir halten es für wichtig, das Thema weiterhin zur gesellschaftlichen Diskussion zu stellen.

Gibt es Ängste von Vermietern, das urschwäbische Tugenden wie Hausordnung, Kehrwoche oder Mülltrennung an Flüchtlinge schwer vermittelbar seien?
Die schwäbische Kehrwoche muss man auch Berlinern erklären. Und wenn man an Studenten aus mitteleuropäischen Ländern vermietet, gibt es ebenfalls Erklärungsbedarf. Wir sind sozialbegleitend regelmäßig vor Ort und kümmern uns um die genannten Themen. Zusätzlich bietet unser ökumenischer Partner, das Diakonische Werk Ravensburg, Qualifizierungen für Untermieter an. Mit ihm arbeiten wir Hand in Hand.

Quelle: Katholisches Sonntagsblatt der Diözese Rotenburg-Stuttgart, Ausgabe 11/2019