"Ich suche nicht, ich finde." Abschlussinterview mit Angelika Hipp-Streicher

Frau Hipp-Streicher, wie kamen Sie zur Caritas Bodensee-Oberschwaben?
Ich kam während meiner Elternzeit zur Caritas. Ich hatte damals mehrere Kursangebote im Bereich Elterncoaching in den Räumen der Caritas angeboten. Das Thema "Elternkompetenz stärken" hat mich immer sehr interessiert und ich habe dazu entsprechende Weiterbildungen absolviert. Berührungspunkte gab es ebenfalls über meine Beratungstätigkeit im Bereich Behinderten- und Altenhilfe. Nach dem Studium habe ich am Aufbau einer Beratungsstruktur mitgewirkt. Das Angebot war der Vorläufer der heutigen Pflegestützpunkte, mit dem Ziel ambulante Unterstützungsstrukturen im häuslichen Umfeld zu schaffen. Hier habe ich die Stelle in Ravensburg nach dem Studium aufgebaut und geleitet. Das Angebot wurde nachfolgend an weiteren sechs Standorten im Landkreis Ravensburg aufgebaut.
Was war für Sie im Rahmen Ihrer langjährigen Tätigkeit bei der Caritas besonders wichtig?
Ich konnte viele neue Ideen einbringen und gestalten. Die Konzeptionierung von neuen Aufgaben haben mich stets inspiriert, ebenso der Aufbau neuer Angebote. Der Aufgabenschwerpunkt lag bei allen Aufgaben immer in der Implementierung von Diensten, Auf- und Ausbau der Angebote, Prozesssteuerung und Aufbau von Netzwerken. Die Vernetzung von pädagogischem und betriebswirtschaftlichem Knowhow waren für mich dabei immer richtungsweisend. In meiner Leitungsverantwortung war es mir wichtig, die fachlichen Konzepte gut mit der Praxis zu vernetzten.
Auch in Krisenzeiten (Corona, Flüchtlingswelle) war mir eine gute Vernetzung und das Finden von tragbaren Lösungen ein wichtiger Grundsatz. Ein Leitsatz der Caritas hat mich dabei geprägt: "Not sehen und handeln”. Es geht darum, Themen nicht nur zu diskutieren, sondern in zielführende Angebote umzusetzen.
Mein Schwerpunkt lag im Aufbau und in der Weiterentwicklung von sozialen Dienstleistungen. So habe ich immer wieder neue Themen übernommen und dafür Strukturen mitentwickelt. Wichtig war mir dabei eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Kostenträgern, den Fachkollegen auf Landkreis- und kommunaler Ebene und im Verbund mit politischen und kirchlichen Akteuren. Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit der Angebote waren für mich immer ein grundlegend.
Wo sehen Sie dabei Ihre persönlichen Stärken und Kompetenzen?
Ich gehe offen auf Menschen zu und diskutiere Themen gerne sachlich und fundiert. In Verhandlungen und Diskussionen werde ich durchaus als ausdauernd wahrgenommen. Konstruktive Auseinandersetzung, Dialogfähigkeit und das Einstehen für Meinungen und Interessen sind für mich wesentliche Fähigkeiten, gepaart mit Humor.
Was waren für Sie besondere Herzensprojekte?
Ein besonderes Herzensprojekt war für mich der Aufbau der Kinderstiftungen, weil sie nachhaltig wirken, die Region langfristig stärken und vielen Kindern in schwierigen Lebenslagen helfen. Besonders schätze ich dabei das Zusammenwirken von politischen, kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann sich unkompliziert einbringen.
Ein besonders wichtiger Arbeitsbereich war für uns als Caritas außerdem das Themenfeld Migration, insbesondere der Aufbau der Integrationszentren in Weingarten und Aulendorf. Dabei ist es uns gelungen, eine breit angelegte, gesamtgesellschaftliche Vernetzungsstruktur aufzubauen. Migration kann nur gelingen, wenn sie von der gesamten Gesellschaft getragen wird. In diesem Prozess verstehen wir uns als Mittler und Moderator. Daneben habe ich stets auch im Bereich der Suchthilfen und Kinder- und Jugendhilfe darauf mein Augenmerk gerichtet, dass wir hier die bewährte Qualität gut fortführen.
Wir leben in Zeiten von Veränderung, komplexer Problemlagen und multipler Krisen - welche Herausforderungen kommen aus Ihrer Sicht auf die Caritas zu?
Kriege, Klimakatastrophen sowie wirtschaftliche und politische Umbrüche verstärken Unsicherheit und Ängste und belasten den gesellschaftlichen Zusammenhalt spürbar. Diese Entwicklungen erleben wir auch in unserer täglichen Beratungsarbeit. Gleichzeitig geraten soziale Angebote durch Einsparungen zunehmend unter Druck. Dabei leisten unsere Beratungsdienste vor allem präventive Arbeit: Sie erkennen problematische Entwicklungen frühzeitig, stärken die Handlungsfähigkeit der Menschen und helfen, schwerwiegende Folgen zu vermeiden. Studien zeigen deutlich, dass Einsparungen im Bereich ambulanter Angebote und der Prävention langfristig zu höheren, gesellschaftlichen Kosten führen. Die zentrale Herausforderung für die Caritas besteht darin, die Nachhaltigkeit ihrer Angebote zu sichern und dem Grundsatz "Not sehen und handeln" auch unter schwierigen Bedingungen verpflichtet zu bleiben. Dafür braucht es Mut, Verbindlichkeit und die gezielte Unterstützung der Mitarbeitenden, die diese Arbeit täglich leisten. Unsere Angebote im sozialen Bereich gestalten die Zukunft der Gesellschaft. Bildung, Teilhabe, Integration und soziale Gerechtigkeit sind wichtig für die Demokratie. Deshalb müssen wir als Caritas gerade in diesen herausfordernden Zeiten über soziale Themen und die soziale Arbeit reden und aktiv in die Zivilgesellschaft hineinwirken. Die Kampagne zu den Wahlen am 8. März "Soziales ist Zukunft" setzt hier ein klares Signal.
Wie fühlen Sie sich gerade in der Situation des "Abschiednehmens"?
Der Abschied gelingt mir erstaunlich gut. Ich konnte meine Aufgaben geordnet übergeben, die Bereiche, die ich verantwortet habe, sind zukunftssicher aufgestellt, und ich habe wunderbare Mitarbeitende, die ihre Arbeit mit großer Motivation und Wirksamkeit umsetzen. Meine Erfahrung bestätigt: Hinter einer starken Leitung stehen starke Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Eigenverantwortung und Mitgestaltung waren zentrale Elemente meiner Führung, sodass ich die Arbeitsfelder in guten Händen weiß.
Nach den zuletzt sehr herausfordernden Jahren: Was planen Sie für Ihre Zeit nach der Caritas?Jetzt beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt - ich sehe mich als Beginnende, nicht als Ruheständlerin. Ich möchte mehr Zeit für meine persönlichen Interessen haben: Ich spiele gerne Gitarre, singe sehr gerne inunterschiedlichen Projekten undich habe mir vor zwei Jahren ein Akkordeon zugelegt. Ja, ich habe mir fest vorgenommen, nochmals ein Instrument zu erlernen. Daneben waren mir über die ganzen Berufsjahre das Thema Selbstfürsorge wichtig. Das hat mir immer wieder geholfen, auch in herausfordernden Lebenslagen, die Ruhe zu bewahren. In jungen Jahren habe ich eine Ausbildung als Qigong-Lehrerin gemacht, das praktiziere ich bis heute und bilde mich darin weiter. All das wird mir Energie geben, Freude bereiten und meinen Alltag bereichern. Gleichzeitig freue ich mich darauf, mein Netzwerk in ganz neuen Bereichen zu erweitern und neue Impulse aufzunehmen. Mein Leitmotiv "Ich suche nicht, ich finde” war für mich immer genau das Richtige.