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Stand: 13.12.2018
  • 28. September 2018  - 

  • 31. Dezember 2018

Ausstellung

Anders- Die Reise einer Famillie

Vernissage 28.09.2018, 18:30 Uhr

 

ein Schrank und zwei Betten

Es waren die dominierenden Bilder in den deutschen Nachrichten der vergangenen beiden Jahre: Menschen, die es auf der Suche nach Schutz oder ihrem Glück in Massen nach Deutschland zog. Karge Wohnheime. Überforderte Bürokraten. Wütende Bürgerproteste auf der einen, ehrenamtliche Hilfsbereitschaft auf der anderen Seite. Der Herbst 2015 sowie das Jahr 2016 werden untrennbar mit dem Schlagwort "Flüchtlingskrise" verbunden bleiben. Bevor Länder wie Ungarn die Haupttrasse, die sogenannte Balkonroute, geblockt haben, sollen rund eine Million Menschen nach Deutschland gekommen sein. 

Für den Gestalter und Kommunikationsdesigner Nikita Anders haben die Ereignisse dieser Zeit Erinnerungen geweckt. In den 1990er Jahren wanderte er mit seiner Familie aus Usbekistan nach Deutschland ein. Spätaussiedler nannte man die damaligen Migranten, oder auch Russlanddeutsche. Statt Meere in einem untauglichen, überfüllten Schlauchboot zu überqueren, kam er als Zehnjähriger mit seiner älteren Schwestern und den Eltern per Flugzeug in der Heimat seiner Vorfahren an. Und doch teilt er mit den neu Zugezogenen von heute die Erfahrung, fremd zu sein. Eine Figur im Räderwerk deutscher Behörden. Ohne Sprachkenntnis. Ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Seine Migrationsgeschichte ist ein Teil von Nikita Anders, den er in der aktuellen weltpolitischen Lage wiederentdecken wollte. Er tauchte ein in die eigene Vergangenheit, in lange ignorierte Erinnerungen. Und er kehrte zurück in die Zwischenwelt der Übergangswohnheime. 

Das Ergebnis dieser Reise ist ein Foto-Essay. Nikita Anders zeichnet darin den Weg seiner Familie nach - von Taschkent nach Kempten, von Usbekistan nach Deutschland, vom alten in ein neues Leben. Kommentierung gibt es nicht. Der Betrachter muss sich den mühsamen Weg der Familie Anders anhand von Behördendokumenten und Anwaltskorrespondenz selbst erschließen. 

Der zweite Teil des Essays gewährt Einblicke in das Zwischenleben, das aus Warten und Orientieren besteht. Nikita Anders hat die Orte besucht, an denen er für eine Zeit untergebracht war, in denen er ein einziges Zimmer mit seinen drei Familienmitgliedern teilte. Rastatt, Nürnberg, Mindelheim, Kempten. Manche Heime dienen noch dem Zweck, den sie bereits vor 20 Jahren hatten. Andere sind verfallen oder gar abgerissen. Die Bilder in seinem Foto-Essay kommen diesen Orten makroskopisch nah. Statt einer Totalen gibt es die Detailaufnahme, das Detail wird zum Symbol. Pars pro toto. Ein zerknülltes Blatt Papier im Gras. Ein Graffito an der Hauswand. Heute und damals: Den aktuellen Aufnahmen stehen Fotos aus dem Privatarchiv der Familie Anders gegenüber.

"Heute frage ich mich immer wieder, wie es wohl für meine Eltern war - ohne Privatsphäre in einem einzigen Zimmer zusammen zu wohnen. Heute reden Sie ungern darüber, meine Fragen versuchen Sie geschickt umzulenken, zu überhören", schreibt Nikita Anders in seinem Textteil. Auf dreieinhalb Seiten bietet er - zwischen den Zeitdokumenten und den aktuellen Aufnahmen - eine dritte Ebene: seine Erinnerungen. Der Textteil ist eine Zäsur, der Raum zwischen seinen im Essay dokumentarisch aufgearbeiteten Leben vor und in Deutschland. Form und Inhalt - das eine ist, das andere handelt von einer Zwischenwelt. 

In die derzeit übersensibilisierte und emotionalisierte Debatte über Zuwanderung bringt Nikita Anderseinen nüchternen Foto-Essay ein. Gefühle dürfen entstehen, das Werk erzeugt sie. Welche das sind, überlässt der Autor aber dem Betrachter.