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Stand: 13.12.2018

Pressemitteilung

Galerie in der Caritas

Vom alten in ein neues Leben

drei Personen vor KunstNikita Anders (Mitte) bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie der Caritas mit Caritas-Mitarbeiter Christian Mayer (links) und Wolfram Frommlet, der in die Ausstellung einführte. Caritas Bodensee Oberschwaben

Eine anhaltende, übersensibilisierte und emotionsgeladene Debatte über Zuwanderung und Flüchtlingskrise, Menschen, die auf der Suche nach Schutz und Glück in Deutschland gelandet sind, überforderte Bürokraten und wütende Bürgerproteste - all dies prägt unsere Gegenwart und ist dabei doch keineswegs neu. "Ich erinnere mich an die 1990er Jahre, als ich mit meiner Schwester und meinen Eltern von Usbekistan nach Deutschland kam, und ich erkenne Parallelen zu heute", sagt Nikita Anders. Dies habe ihn dazu veranlasst, seine eigene Migrationsgeschichte in der aktuellen weltpolitischen Lage wiederzuentdecken und in die Vergangenheit einzutauschen. Das Ergebnis ist eine Reise in die Zwischenwelt der Übergangswohnheime, ein bewegendes Foto-Essay, in dem Anders den Weg seiner Familie von Taschkent nach Kempten - "vom alten in ein neues Leben" - nachzeichnet. Die dokumentarische Ausstellung ist noch bis 31. Dezember in der Galerie der Caritas in der Ravensburger Seestraße 44 zu sehen.   

Fotografien

"Man nannte uns zwar Spätaussiedler oder Russlanddeutsche und nicht Migranten und wir kamen nicht mit dem Schlauchboot über das Meer, sondern landeten mit dem Flugzeug in Deutschland, aber es gibt viele Parallelen", sagt Nikita Anders, der die Erfahrung, fremd zu sein, mit den heutigen Zuwanderern teilt. "Wir waren Figuren im Räderwerk deutscher Behörden, hatten kaum Deutschkenntnisse und wussten nicht, was die Zukunft bringt", sagte er bei der Ausstellungseröffnung. Anders zeichnet in seinem Foto-Essay den Weg seiner Familie von Usbekistan nach Kempten nach. Nüchterne Behördendokumente wie Einweisungs- oder Weiterleitungsbescheinigungen, Berechtigungsscheine und Anwaltskorrespondenzen füllen die komplette Wand eines Treppenaufgangs in der Caritas-Galerie und dokumentieren den mühsamen Weg der Familie. Kommentierungen gibt es nicht. Der Betrachter kann und soll sich seine eigenen Gedanken dazu machen.   

Texte an einer Wand

Der zweite Teil des Essays gewährt Einblicke in ein Zwischenleben, bestehend aus Warten und Orientierung. Nikita Anders hat nach 20 Jahren Orte in Rastatt, Nürnberg, Mindelheim und Kempten besucht, in denen seine Familie für eine Zeitlang untergebracht war. "Wir lebten sechs Monate lang zu viert ohne Privatsphäre in einem einzigen Zimmer eines Übergangswohnheims", berichtet Anders, der damals zehn Jahre alt war. Manche der von ihm fotografierten Heime dienen noch heute dem Zweck, den sie schon in den 1990er Jahren hatten. "Ich bin kein Fotokünstler", betont der Gestalter und Kommunikationsdesigner. Seine Aufnahmen zeigen aber im Vergleich mit früheren Fotos der Familie Anders, dass sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten beschämend wenig verändert hat. "Die Bettgestelle und Schränke sind die gleichen und sogar das alte Wandtelefon gibt es noch", kommentiert er ein Foto aus einem Übergangswohnheim.

Fotografien

Die Politik habe bis heute nicht begriffen, dass Deutschland schon lange ein Zuwanderungsland sei, bedauerte Wolfram Frommlet, der in die Ausstellung einführte. Der Autor, Journalist und Kulturschaffende erinnerte daran, dass auch viele Deutsche in vergangenen Zeiten ihr Heimatland verließen, um anderswo ihr Glück zu finden. "Sie waren das, was jetzt Migranten sind." Jede Flucht habe ihre eigene Geschichte - damals wie heute, gab er zu bedenken. Wirtschaftliche und politische Flüchtlinge hätten ein Traumbild von Deutschland. Stattdessen landeten sie in einer empathielosen Welt der Trostlosigkeit, der namenslosen Bürokratie, der Impertinenz und kulturellen Absurdität. Wie die Spätaussiedler in den 1990er Jahren, so würden auch die Geflüchteten heute politisch instrumentalisiert, kritisierte Frommlet. Einzelne Menschenschicksale - wie das der Familie Anders - spielten leider eine untergeordnete Rolle.

INFO: Die Ausstellung "Anders - Die Reise einer Familie" ist noch bis 31. Dezember in der Galerie der Caritas, Seestraße 44, in Ravensburg zu sehen: montags bis donnerstags von 8 bis 12 und von 13.30 bis 17 Uhr, freitags von 8 bis 12 Uhr.