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Sexueller Missbrauch: So hilft die Beratungsstelle Morgenrot

zwei Frauen an einem SchreibtischIris Gerster (links) und Nicole Schäfer begleiten Opfer sexuellen Missbrauchs zurück in ein geordnetes Leben.Nadine Sapotnik

Die Beratungsstelle Morgenrot ist eine Anlaufstelle für Kinder, Jugendlich und junge Erwachsene im Alter bis 27 Jahre, die von sexuellen Missbrauch betroffen sind. Auch Angehörige, Freunde, Vertrauenspersonen sowie pädagogische Fachkräfte begleitet das Team von Morgenrot bei ihrer Arbeit mit Betroffenen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die präventive Arbeit, bei der die Mitarbeiter Projekte für Kinder, Jugendliche und Fachtagungen anbieten. Seit 2016 gibt es das Hauptbüro von Morgenrot an der Katharinenstraße 16. Ein weiteres Büro ist in Überlingen. Leiterin Iris Gerster und Nicole Schäfer füllen dort eineinhalb Stellen aus.

Auf Initiative der Stadt Friedrichshafen und dem Bodenseekreis ist die Beratungsstelle Morgenrot gegründet worden. Stadt und Kreis finanzieren Morgenrot gemeinsam. Die Caritas Oberschwaben hat durch ein Ausschreibungsverfahren die Trägerschaft bekommen. Trotzdem sehen Iris Gerster und Nicole Schäfer, beide studierte Sozialarbeiterinnen, die Beratungsstelle als unabhängig und neutral. Fixe Sprechzeiten haben die beiden nicht. Sie arbeiten nach Terminabsprachen und treffen sich mit ihren Klienten. Die Beratung ist kostenlos, Opfer können sich auch anonym beraten lassen. Das ist auch telefonisch oder per E-Mail möglich.

Schäfer und Gerster unterstützen die Opfer oder ihre Bezugspersonen dabei, welche nächsten Schritte sie im Fall von sexuellem Missbrauchen gehen können. "Bei rund zwei Drittel der Fälle, die bekannt sind, gehen die Opfer nicht zu Polizei. Der Scham ist einfach zu groß", sagt Gerster. Denn die meistern Täter stammen aus dem familiären und sozialen Umfeld der Opfer. "Seit unseren Anfängen 2016 haben wir 90 Fälle behandelt. Davon war einer dabei, bei dem ein Täter dem Opfer völlig fremd war", sagt Gerster. Die meisten der Täter sind Männer, aber auch Frauen sind darunter.

Auch der Aspekt, wie stabil das Opfer ist, spielt bei der Frage, ob der Täter angezeigt wird, eine wichtige Rolle. Grundsätzlich haben Schäfer und Gerster aber keine polizeiliche Anzeigepflicht. "Uns ist es wichtig, den bestmöglichen Weg für die Betroffenen zu wählen", sagt Schäfer. Denn jedes Opfer geht anders mit dem Missbrauch um. "Und jeder hat andere Ressourcen", sagt Gerster. Die meisten, die sich als Opfer an eine Beratungsstelle wenden, haben, so Schäfer, bemerkt, dass sie der Missbrauch unmächtig macht. Oft hängt es damit zusammen, wie lange die Kinder missbraucht worden sind. "Es hängt auch von der Entwicklung und Reife der Opfer ab, ob und wie sie den Missbrauch einordnen können", sagt Schäfer. Irgendwann komme dann die Erkenntnis, dass Missbrauch nicht normal sei. "Innerlich haben sie schon vorher gespürt, dass es falsch ist, wie sie berührt werden", sagt Schäfer.

Auch wenn sich die beiden Frauen vorrangig an die Opfer direkt wenden wollen, kommen diese oft nicht mit in die Beratungsstelle. "Die Eltern der Opfer lassen sich oft alleine bei uns beraten", sagt Gerster. Manchmal handelt es sich dabei auch nur um Vermutungen, nicht immer sind es Fakten, die die Vertrauenspersonen zu Morgenrot treiben. "Viele Eltern belastet es extrem, dass sie ihr Kind nicht geschützt haben", sagt Schäfer. Viele von ihnen tragen die Schuldfrage mit sich herum. "Wenn es zu einem Übergriff kommt, gibt es immer einen Plan. Die Situation ist strategisch durchgeplant und schraubt sich immer mehr zu", sagt Schäfer. In vielen Fällen kennen auch sie den Täter und haben ihm vertraut. Das hat bei einigen zur Folge, dass sie sich, wenn der Missbrauch bekannt wird, sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Iris Gerster und Nicole Schäfer waren beide vor Morgenrot in der Täterarbeit tätig. Viele von ihnen seien früher selbst einmal Opfer gewesen und"Die Täter kommen nicht freiwillig", sagt Schäfer. "Bei unserer Arbeit jetzt, bedanken sich die Opfer und dafür lohnt es sich zu arbeiten." Viele der Opfer können danach wieder ein einigermaßen normales Leben führen. "Die Narben vom Missbrauch bleiben aber", sagt Schäfer. "Die Erinnerungen daran, lassen sich nicht löschen. Umso wichtiger ist unsere Arbeit."

Artikelveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Schwäbischen Zeitung.