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Wohnraumoffensive

In die Wohnung gelotst

Gruppenbild vor HauseingangNicht nur Einheimische werden in ein neues Zuhause vermittelt: Merhawi und seine Familie sind bei Saulius Dvariskis (re.) fündig geworden – sehr zur Freude von Caritas-Sozialarbeiterin Lea Kopittke (li.).Thomas Wilk

Im beschaulichen Oberschwaben sind bezahlbare Wohnungen ein knappes Gut. Starke lokale Unternehmen ziehen Fachkräfte an. Die Ankunft von Flüchtlingen hat die Situation zusätzlich verschärft. So mancher muss mit prekären Wohnverhältnissen in der Stadt vorliebnehmen oder aufs Land ziehen. Vermieter bevorzugen zahlungskräftiges Publikum, das die Miete pünktlich überweist, Deutsch spricht und keine Scherereien macht. Grund genug für die Caritas Bodensee-Oberschwaben, sich einzuschalten.

Gedeihen Vorurteile, leidet der soziale Friede

"Kirchliche Wohnraumoffensive Bodensee-Oberschwaben - herein": So lautet der Titel einer dekanatsübergreifenden Initiative der Caritas, die Wohnraum für einkommensschwache Menschen wie Alleinerziehende, ALG-II-Bezieher oder Flüchtlinge schaffen will. Und die diffusen Ängsten und Vorurteilen entgegenwirkt, die die Caritas-Sozialarbeiter Lea Kopittke und Christian Mayer immer deutlicher wahrnehmen: Arbeitslose gönnen Flüchtlingen deren Unterkunft nicht, Alteingesessene neiden  Zugereisten die tolle Wohnung. Unzufriedenheit und wechselseitige Vorurteile gedeihen, der soziale Friede leidet. Für Lea Kopittke und Christian Mayer ist Vernetzung das A und O. Sie warben bei Kirchengemeinden, Stadtverwaltungen, Privatpersonen, Ehrenamtlichen und Baugenossenschaften dafür, Wohnraum bereitzustellen. Kooperationsvereinbarungen wurden mit den Kommunen Aulendorf und Weingarten abgeschlossen. Mit Ravensburg, Friedrichshafen, Tettnang, Meckenbeuren, Isny und Leutkirch sind sie ins Auge gefasst. fasst. Durch Anmietung, Renovierung und Neubau soll Wohnraum geschaffen, leerstehende Wohnungen sollen möglichst schnell vermietet werden.

Das Potenzial ist erstaunlich groß: Experten schätzen, dass allein zwischen Bad Waldsee und Ravensburg rund 800 Wohnungen  leer stehen. Bisher ungenutzte Grundstücke und Immobilien in den Dekanaten Allgäu-Oberschwaben und Friedrichshafen sollen erhoben und den Eigentümern Nutzungsmöglichkeiten aufgezeigt werden - zum Beispiel bei Leerstand, ungenutzten Gemeindehäusern. Oder können die Eigentümer selbstImmobilien bauen und vermieten?

Vermieter-Ängste: Die Mieter könnten die Wohnung kaputtmachen

Drei Personen vor einem Haus Aulendorfs Bürgermeister Matthias Burth, Lea Kopittke und Tanja Nolte vom Ordnungsamt (v. re.) legten die ersten Mosaiksteinchen: vier Wohnungen für Menschen, die sonst kein Zuhause gefunden hätten.Thomas Wilk

Natürlich wissen die Caritas-Mitarbeiter um die Vorbehalte gegenüber ihrer Klientel. Dass diese Leute nicht zahlen. Die Wohnung kaputtmachen. Nicht Deutsch sprechen. Um dagegen anzugehen, wählen Kopittke und Mayer potenzielle Untermieter sorgsam aus, betreuen sie, helfen bei Anträgen, Ämtergängen, reden mit der Wohnungsverwaltung und besichtigen infrage kommende Wohnungen. Ehrenamtliche unterstützen bei Umzug, Ummeldung und Eingewöhnung und schauen einmal im Monat beim Neumieter vorbei. "Wohnungslotsen" nennt Lea Kopittke sie, was es im Kern gut trifft. Die Verwaltung der Wohnungen besorgen externe Dienstleister. Als wichtigstes Argument gilt eine Garantie: Bei Mietausfällen oder notwendigen Renovierungen springt ein Risikofonds ein, von der Kommune finanziert und von Caritas oder Kirchengemeinde verwaltet.

Will der Eigentümer nicht direkt an seinen neuen Bewohner vermieten, tritt die Caritas oder eine Kirchengemeinde als Zwischenmieter auf. Dies sollte aber nur ein Provisorium sein. Deshalb gibt es immer wieder einen "Kaffeeklatsch" mit allen Beteiligten, um das Eis zwischen Eigentümer und Mieter zu brechen. Nach spätestens einem Jahr sollte der Untermieter endgültig zum Mieter werden.

Die Kooperation mit der Stadt Aulendorf hat sich bewährt. Bürgermeister Matthias Burth sieht beide Seiten des wirtschaftlichen Aufschwungs seines Umfelds: "Wir sind eine wirtschaftlich sehr starke Region, viele Arbeitskräfte ziehen hierher. Das erhöht den Druck auf dem Wohnungsmarkt." Außerdem müsse seine 10 000-Einwohner-Stadt auch 250 Flüchtlinge und deren Familien unterbringen. "Sie suchen bezahlbaren Wohnraum. Aber wir dürfen die sozial Schwachen in der Stadt nicht vergessen", so Burth. Für die Region sieht er einen Bedarf von 50 000 zusätzlichen Wohnungen. Dabei kam ihm die Wohnrauminitiative der Caritas gerade recht: "Sie ist ein wichtiger Mosaikstein bei unseren Bemühungen." Inzwischen wurden schon vier Wohnungen vermietet, an Flüchtlinge und an eine deutsche Familie, die im Leistungsbezug ist.

Ein Neuanfang: von Eritrea nach Weingarten

In Weingarten fand eine Flüchtlingsfamilie aus Eritrea eine Dreizimmerwohnung durch die Wohnraumoffensive, finanziert vom Jobcenter. Merhawi mit seiner Frau Freweini (die nur mit Vornamen genannt werden wollen) und ihren Kindern Surafeal und Sened haben sich eingerichtet. Nach der Flucht des 30-jährigen Familienvaters über Äthiopien, Sudan, Libyen und Italien, seiner Anerkennung als Flüchtling in Deutschland und dem Nachzug seiner Frau war es zunächst schwer für sie. Die Nachbarn, das Land, die Kultur, die Sitten und die Sprache fremd, das Wetter kalt und regnerisch. Inzwischen kann sich Merhawi schon leidlich auf Deutsch unterhalten  und will seinen Integrationskurs beenden, um Arbeit zu finden. Seine Frau wird den Kurs beginnen, wenn der kleine Sened etwas älter ist.

Auch Merhawis Vermieter ist ein Zugereister: Der Litauer Saulius Dvariskis zog vor zehn Jahren mit seiner russischen Frau aus Litauen nach Oberschwaben. Dass er seine zweite Wohnung an die Caritas Bodensee-Oberschwaben vermietet, war nicht selbstverständlich: Im vergangenen Jahr hatten sich seine Mieter geweigert, die Miete zu zahlen. Im Gegensatz zu diesen hat er mit seinen aktuellen Mietern aus Eritrea "überhaupt keinen Stress, sondern nur gute Erfahrungen", sagt er lachend.



HEREIN -DIE WOHNRAUMOFFENSIVE

Entstanden war die Wohnraumoffensive 2015 im Gespräch zwischen der Caritas und den Dekanaten Allgäu-Oberschwaben und Friedrichshafen. Um der Konkurrenz zwischen Geflüchteten und einkommensschwachen Einheimischen um das knappe Gut "Wohnraum" entgegenzuwirken und populistischen Strömungen Paroli zu bieten, wurde das Projekt nicht auf FIüchtlinge begrenzt. Auch auf dem Wohnungsmarkt benachteiligte Einheimische wurden miteinbezogen. Finanziert wird es über den Flüchtlingshilfefonds der Diözese Rottenburg-Stuttgart und das Deutsche Hilfswerk.