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Das Tabu bröckelt langsam, aber sicher

Einstimmig hat sich der Häfler Gemeinderat in seiner Sitzung am Montag entschlossen, die Einrichtung "Morgenrot - Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch" auch nach dem 30. April kommenden Jahres auf Dauer weiterzuführen. Dazu beauftragt der Gemeinderat die Caritas Bodensee-Oberschwaben, die das Projekt bisher begrenzt bis Ende April aufgebaut hatte.

Die Stadt Friedrichshafen bezuschusst diese Beratungsstelle pro Jahr mit 100 000 Euro, dynamisiert ab diesem Jahr. Über die Bereitstellung der Haushaltsmittel wird bei den jeweiligen Haushaltsberatungen gesprochen werden. Bürgermeister Andreas Köster eröffnete den Tagesordnungspunkt zu diesem Thema mit den Worten "Selten habe ich ein Projekt auf dem Tisch, bei dem ich hoffe, dass so wenig Fälle wie möglich zu bearbeiten sind. Bei der Beratung über die Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch, "Morgenrot", ist der Begriff Amortisierung deplatziert." Auch eine Evaluierung funktioniere im herkömmlichen Sinne nicht. Er sehe den Erfolg der Arbeit darin begründet, dass es bei den Fällen, die die Beraterinnen zu bearbeiten hatten, 20 mal zu einer Anzeige gekommen sei. Sexueller Missbrauch werde zu oft noch als Tabuthema betrachtet und entsprechend versteckt.

Eine Diskussion über die Verlängerung der Arbeit dieser Beratungsstelle, die in ihrem Bericht von 72 Fallberatungen spricht - davon 23 in der Stadt Friedrichshafen, 31 im westlichen und 13 im östlichen Bodenseekreis, vier anonyme und ein außerhalb des Kreises - war im Gemeinderat nicht mehr nötig. Das Gremium war sich geschlossen einig - wie auch der Landkreis, der sich zu 50 Prozent an den Kosten beteiligt - dass es eine solche Beratungsstelle geben müsse und die bisherige Arbeit nicht umsonst gewesen sein dürfe. Vor allem die intensive Vernetzung der Beratungsstelle mit anderen Einrichtungen im Landkreis und der Stadt Friedrichshafen, hätte zu einem Anstieg der Fallberatungszahlen geführt. Das, so die Stadtverwaltung, habe mit dem steigenden Bekanntheitsgrad und der Akzeptanz der Beratungsstelle zu tun. Aus den vielen Fällen im Dunkelzifferbereich hätten sich mehr Opfer als zuvor an die Beratungsstelle gewendet.

Für alle Fraktionen hat Dagmar Hoehne (Freie Wähler) eine gemeinsame Fraktionserklärung gegeben. Sie habe das Thema bereits vor 20 Jahren im Kreistag vorgetragen und sei froh, dass man "jetzt das erste Mal im Kreistag der Meinung sei, diese Art der Beratung fördern zu können. Die Idee der Freien Wähler habe bei allen Beteiligten Anklang gefunden. Diese Stelle, die hier geschaffen worden sei, könne die Schicksale der Opfer in die richtigen Bahnen lenken. "Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Entscheidung jetzt treffen", sagte Dagmar Hoehne und bekam dafür den Beifall aller im Gemeinderat vertretenen Parteien.

(Artikelveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Schwäbischen Zeitung)

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