Nachricht

Erziehungsberatung

100 Jahre „liebender Dienst für Menschen“

Mann vor MikrophonWissenschaft ganz nah: Richard Münchmeier, Professor für Sozial- und Jugendpädagogik, erzählt aus dem Nähkästchen.Schwäbische Zeitung / Lena Reiner

"Wir arbeiten zusammen, daher möchten wir auch zusammen feiern", erklärte die Leiterin der Psychologischen Familien- und Lebensberatungsstelle Friedrichshafen, Annika Dohrendorf.
Außerdem schilderte sie, dass die beiden Beratungsstellen trotz der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Diözesen und damit unterschiedlichen Trägern mehr als die Arbeitsbedingungen teilten. "Wir arbeiten mit dem gleichen Jugendamt zusammen, sind im Bereich desselben Landratsamtes und leiten gemeinsam Projekte in Markdorf." Auch Dekan Peter Nicola betonte die Gemeinsamkeiten der Beratungsstellen in seiner Rede. "Wir sollten nicht vergessen, dass wir in dieser Gegend vor der Unterteilung in Baden und Württemberg mehr als 1000 Jahre gemeinsam zum Bistum Konstanz gehört haben." Daher sei die Grenze auch vielleicht einfach nicht so wichtig, schlussfolgerte er, um dann ganz grundsätzlich auf den lateinischen Begriff der Caritas zurückzukommen. Diesen könne man am treffendsten als "liebenden Dienst am und für den Menschen" übersetzen, erklärt er und wünscht den 30 hauptamtlichen und 60 ehrenamtlichen Mitarbeitern bei ihrer "überaus anspruchsvollen Arbeit Kraft, Zuversicht, Erfolg und Gottes reichen Segen".

Sebastian Brauner, Referent für psychologische Familien- und Lebensberatung, bemühte derweil einige Metaphern für die tagtägliche Arbeit der Berater. Pflichten und Aufgaben werden hierbei zum Schulranzen. "Und irgendwann merkt man als Erwachsener, dass man ihn ja immer noch trägt." Mit einem unterhaltsamen Film, der in Form kleiner Sketche zugespitzt zeigte, wie sich die Vorstellung von Erziehung über die Jahrzehnte gewandelt hat, steuerten die Erziehungsberater selbst einen Programmpunkt bei. Dann folgte der inhaltsschwerste Teil des Abends: ein Fachvortrag von Richard Münchmeier. Der Professor für Sozial- und Jugendpädagogik schaffte den Spagat zwischen Wissenschaft und Unterhaltung und ließ die Zahlen mit kleinen, teils persönlichen Anekdoten lebendig werden. Währenddessen outete er sich etwa als Kind der 68er und meint,e dass es für ihn erstaunlich gewesen sei, als er das erste Mal in den Umfrageergebnissen der Shellstudie sehen konnte, dass eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen nicht nur ihre Eltern als wichtigen Ansprechpartner auch während der Pubertät erlebten sondern sogar fast 80% der modernen Teenager ihre Kinder genau so erziehen würden, wie sie selbst erzogen worden wären. "Es war bei uns schick, die Eltern zu bekämpfen." Zu guter Letzt gab er neben dem Lektüretipp "Kinder für Anfänger" (von Loriot und Reinhart Lempp) noch einen Rat, der auf sehr eindeutigen Umfrageergebnissen basiere: "Wer Kinder stark machen mag, muss sie wertschätzen". So endet eein lehrreicher und unterhaltsamer Abend voll Wertschätzung für die Erziehungsberatung.

Artikelveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Schwäbischen Zeitung.