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Schwäbische Zeitung, vom 23. Dezember 2006 - Zwischenstation Hoffnung Schwäbische Zeitung, vom 10. August 2007 - Die Armut hat nicht abgenommen
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Langzeitarbeitslose - Wenn nichts mehr geht, die Aussichten auf eine feste Arbeitsstelle Richtung Null tendieren und das
Geld an allen Ecken und Enden fehlt, wird die Caritas-Einrichtung Fairkauf für manchen zum letzten Rettungsanker.
VON SIMONE HAEFELE
Die Suche nach Engeln auf gestaltet sich unerwartet schwierig. Nicht etwa, weil es davon keine oder nur sehr wenige gibt.
Menschen, die sich für andere aufopfern, helfen, wo sie nur können, mit Rat und Tat zur Seite stehen, sind in jeder Stadt,
in fast jedem Dorf zu finden. Und trotzdem: Genau die, die ihren Beruf, ihre Freizeit, ihr Leben in den Dienst der Mitmenschen
stellen, wehren sich vehement dagegen,als Engel auf Erden bezeichnet zu werden. Auch Ewald Kohler, Geschäftsführer der Caritas
Bodensee-Oberschwaben warnt: Nennen Sie ihn bloß nicht ,Engel auf Erden'. Das mag er nicht. Aber er ist durchaus ein Mann,
der für Menschen da ist, die dringend einen Engel auf Erden benötigen.
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Räumen und entrümpeln
Die Rede ist von Hermann Leuthner, 47 Jahre alt, Vater von vier Kindern, gelernter Schreinermeister und seit zehn Jahren als
Arbeitsanleiter bei Fairkauf tätig. Fairkauf ist eine Einrichtung der Caritas Bodensee-Oberschwaben, die zum einen ein SecondHand-Kaufhaus
in Weingarten betreibt und zum anderen Dienstleistungen wie Entrümpelungen, Haushaltsauflösungen, Transporthilfen, Renovierungsarbeiten
und Gartenpflege anbietet.
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Es ist schweinekalt an diesem Morgen, auch im Haus. Hermann Leuthner und seine zwei Mitarbeiter kommen trotzdem ins Schwitzen.
Sie schleppen schwere Möbel nach draußen in den Transporter, schrauben Lampen ab, nehmen die Küche auseinander. Ein leichter
Job, meinen alle drei, die heute das Haus einer alten Dame leer räumen sollen. Leuthner und seine insgesamt 25 Mitarbeiter
sind auch anderes gewohnt. Wenn sie den Auftrag zu einer Zwangsräumung haben, passiert es schon mal, dass sie völlig zugemüllte
Wohnungen betreten, sich ihren Weg durch kniehohen Unrat, verschimmelte Essensreste und verkotete Kleidung bahnen müssen und
einen Gestank ertragen, der eigentlich unerträglich ist. Die Dienste der Umzugshelfer und Entrümpler von Fairkauf sind auch
gefragt, wenn Langzeitarbeitslose, Allein Erziehende und Menschen, die in unserer Gesellschaftsstruktur Stück für Stück nach
unten gerutscht sind, in eine kleinere und billigere Wohnung ziehen müssen. Bei den Betroffenen fliessen dann häufig bittere
Tränen, aber auch Leuthners Mitarbeiter geben solche Szenen zu denken. Der Fairkauf-Arbeitstrupp besteht nämlich selbst aus
Langzeitarbeitslosen, die sich hier als Minijobber oder Entgeltbezieher ein paar Euro im Monat dazu verdienen.
Die Männer, die mit Leuthner arbeiten, leben allesamt am Existenzminimum. "Die sind richtig arm", weiß der Arbeitsanleiter.
Oft fehlt es schon am Nötigsten und so kann es auch mal passieren, dass der Chef höchstpersönlich mit seinen Mitarbeitern
neue Hosen kaufen geht, weil das einzige Paar total zerrissen ist, das Geld vorstreckt, oder seinem Trupp auch mal Essen und
Trinken spendiert.
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Zeit für Gespräche
Doch mindestens genauso schlimm, wie die permanente Geldnot, ist der psychische Knacks, den die Jahre der Arbeitslosigkeit
bei vielen hinterlassen. Das Selbstwertgefühl liegt am Boden, soziale Kontakte werden immer weniger, Beziehungen gehen in
die Brüche, Alkohol und Drogen kommen ins Spiel. Beispiele dafür nennt Leuthner zuhauf, ohne lange zu überlegen. Und obwohl
der Mann nie in Psychologie oder Sozialarbeit geschult wurde, setzt der Arbeitsanleiter genau dort an. "Als meine Aufgabe
verstehe ich es eben auch, Menschen mit schief liegenden Grundstrukturen wieder gerade zu biegen. Und das ist wirklich nicht
einfach". Behutsam führt er seine Mitarbeiter, die seit vielen Jahren ohne geregelte Tätigkeit waren, an den neuen Job heran,
vermittelt ihnen wieder Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, macht seine Mitarbeiter schon mal darauf aufmerksam,
mehr auf ihr Äußeres zu achten, und redet sie grundsätzlich mit "Sie" an. "Diese Leute wurden jahrelang schikaniert. Für mich
sind sie wertvolle Mitarbeiter und das will ich ihnen mit dem ,Sie' auch verdeutlichen", erklärt er.
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Leuthners Engagement für sein Team geht aber weit darüber hinaus, Arbeitsschritte zu erklären oder auf eine überfällige Rasur
aufmerksam zu machen. Dankbar ist er deshalb dafür, dass bei Fairkauf-Einsätzen auch Zeit für ein persönliches Gespräch bleibt.
Es passiert nämlich immer mal wieder, dass einer seiner gestandenen Mannsbilder morgens mit verheulten Augen und zittrigen
Händen zur Arbeit kommt. Dann redet Hermann Leuthner mit seinem Mitarbeiter unter vier Augen, bespricht familiäre Probleme,
Geldsorgen oder auch plagende Zukunftsängste. Eng arbeitet Leuthner dabei mit den Sozialarbeitern der Caritas zusammen, vermittelt
Gesprächstermine, Entzugstherapien, Deutsch- und Bewerbungskurse, oder hilft, bezahlbare Wohnungen zu finden.
Was kommt danach?
Jeder, der bei Fairkauf als Ein-EuroJobber oder in der Entgeltvariante tätig ist, ist verpflichtet, sich auch weiterhin ernsthaft
um eine feste Arbeitsstelle zu bemühen. Denn die Anstellung bei Fairkauf endet für jeden nach spätestens neun Monaten. "Und
dann beginnt für viele das Elend erst richtig", weiß Leuthner. Von Vater Staat werden diese Leute dann wie menschlicher Müll
behandelt. Die kriegen ihre Sozialhilfe, aber ansonsten kümmert sich keiner mehr darum. Kein Wunder, dass sich Hermann Leuthner
deshalb auch besonders intensiv darum bemüht, den Männern aus seinem Team eine feste Arbeitsstelle zu besorgen. Dabei scheut
er sich auch nicht davor, private Beziehungen anzuzapfen, bei Betrieben vorzusprechen oder Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen.
Nach neun Monaten Zusammenarbeit - "eigentlich eine verdammt kurze Zeit" - glaubt er, gut einschätzen zu können, wie wer wo
sinnvoll eingesetzt werden kann. Wenn es dann so läuft, wie bei dem jungen Mann aus Kasachstan, der in kürzester Zeit perfekt
deutsch sprechen lernte und schon nach wenigen Monaten einen Job bei der Firma Liebherr bekommen hat, strahlt Leuthner übers
ganze Gesicht. Doch nur für weniger als die Hälfte der Fairkauf-Mitarbeiter endet das kurze Gastspiel glücklich in einer Festanstellung.
"Die anderen entlassen wir ins große Nichts", bedauert Hermann Leuthner.
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FAIRKAUF
Die Armut hat nicht abgenommen
WEINGARTEN - Dank einer deutlich verbesserten Arbeitsmarktlage erzielt die Caritas Bodensee-Oberschwaben mit ihrem Arbeitslosenprojekt
Fairkauf' in Weingarten zwar unerwartete Erfolge bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen auf den ersten Arbeitsmarkt.
Aber die Zahl der Bedürftigen hat deshalb nicht abgenommen.
Von unserem Redakteur Anton Wassermann
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Der Rottenburger Bischof Dr. Gebhard Fürst hat bei seinem jüngsten Besuch auch Fairkauf in Weingarten einen Besuch ab und
erkundigte sich bei den dort Beschäftigten über ihre Arbeit. Unser Foto zeigt ihn im Gespräch mit Manuel Kulla. Foto: Joachim
E. Röttgers
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Seit knapp einem Jahr betreibt die Caritas an der Waldseer Straße neben ihrem Gebrauchtwaren-Kaufhaus Fairkauf einen Tafelladen
mit dem Namen CariSATT, in dem zweimal wöchentlich Bedürftige mit Berechtigungsausweis gegen einen symbolischen Preis Lebensmittel
einkaufen können. 30 bis 40 Menschen nehmen regelmäßig dieses Angebot in Anspruch. Sie erhalten Lebensmittel, die von Bäckereien,
Fleischerfachgeschäften, aber auch von großen Lebensmittelketten gespendet werden. Wir kommen zwar mit den Spenden einigermaßen
hin; aber es wäre schön, wenn sie kontinuierlicher fließen könnten; denn die Schwankungen machen uns bisweilen schon zu schaffen",
sagt Ewald Kohler, Geschäftsführer der Caritas Bodensee-Oberschwaben.
Er stellt besonders bei älteren deutschen Weingartenern eine verschämte Armut fest: Ihnen ist es peinlich, im Tafelladen einzukaufen. Dabei wird bei uns niemand bloßgestellt. An den beiden Einkaufstagen muss in Weingarten niemand auf
der Straße vor dem Tafelladen Schlange stehen und somit offen zeigen, dass er arm ist. Wir haben zu diesen Zeiten unser Kontaktcafé
geöffnet, wo man in entspannter Atmosphäre warten und eine Tasse Kaffee trinken und ein Stück Gebäck verzehren kann. Dieses
Kontaktcafe gibt auch von Montag bis Freitag an Bezugsberechtigte zu einem symbolischen Preis ein Mittagessen aus, das Auszubildende
des Berufsbildungswerks Adolf Aich zubereiten und servieren.
Deutlich zugenommen hat in letzter Zeit der Betrieb im Gebrauchtwaren-Kaufhaus Fairkauf und dem angeschlossenen Dienstleistungsbetrieb
gleichen Namens. Deshalb hat die Caritas für den Dienstleistungsbetrieb ein eigenes Büro im Gemeindehaus St. Martin in der
Isenbarthstraße angemietet. Aufträge wie Haushaltsauflösungen oder Entrümpelungen nimmt Fairkauf jetzt dort entgegen. Geblieben
ist aber die enge Verbindung mit dem Kaufhaus. Dorthin liefern die Dienstleister weiterhin Möbel, Hausgeräte und andere Dinge
des täglichen Bedarfs, die noch intakt und brauchbar sind. Unser gemeinsames Büro im Kaufhaus ist einfach zu eng geworden,
begründet Sigrid Maier diese Trennung. Sie ist bei der Caritas Bodensee-Oberschwaben zuständig für den Bereich Wirtschaft
und Finanzen.
Vermittlung wird leichter
In Kooperation mit anderen Sozialträgern bietet die Caritas im Kreis Ravensburg 40 so genannte Ein-Euro-Jobs für Langzeitarbeitslose
an. Sie hält bei Fairkauf 17 solche zeitlich befristete Beschäftigungsgelegenheiten vor, und zwar im Kaufhaus und im Dienstleistungsbereich.
Hinzu kommen fünf feste Arbeitsplätze. Als Beschäftigungsträger sind wir zuständig für die sozialpädagogische Begleitung,
Betreuung und Qualifizierung dieser Menschen. Außerdem helfen wir ihnen bei der Suche nach einer Anstellung auf dem ersten
Arbeitsmarkt, sagt Ewald Kohler.
Die Vermittlung sei deutlich leichter geworden, seit die gute Konjunktur auch auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat, berichtet
der Caritas Geschäftsführer: Wir haben erst vor kurzem einen Techniker, der sechs Jahre arbeitslos war, an eine Zeitarbeitsfirma
vermittelt, die Leute mit dieser Qualifikation unabhängig von ihrem Alter sucht. Vor zwei Jahren wäre ein solcher Vermittlungserfolg
undenkbar gewesen."
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Der Dienstleistungsbereich von Fairkauf in Weingarten ist jetzt unter der Telefonnummer (0751) 5 60 54 31 zu erreichen.
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